„Die Glut der Liebe ist feurig“ Hohelied 8,6

Warum Gott „Feuer und Flamme“ für die Menschen ist

Predigt zur Einstimmung auf den Hessentag 2019 in Bad Hersfeld

Es gibt eine interessante Studie aus der modernen Glücksforschung, die zu dem Ergebnis kommt: Wenn ein Mensch sich für etwas begeistert, das größer ist als er selbst … dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er glücklich wird, deutlich höher, als wenn er sich nur um sich selbst dreht. Das heißt: Zum Glücklich-sein brauchen wir etwas, das uns antreibt, das uns motiviert und das uns motiviert, über uns hinauszudenken. Womit sich natürlich sofort die spannende Frage stellt: „Was begeistert Sie?“ – „Was begeistert mich?“ – „Welches Ziel, das größer ist als wir selbst, gibt unserem Dasein einen Sinn?“ Christinnen und Christen sind schon immer der Überzeugung: Gott ist dieses Größere, dieser Größere, der eine Lebensperspektive schenkt, die weit über die oder den Einzelnen hinausgeht und uns Teil einer größeren Geschichte sein lässt. Nämlich der liebevollen Geschichte Gottes mit den Menschen, in der wir eingeladen sind, die Welt zu gestalten. Deshalb verwundert es nicht, dass Gott den Menschen der Bibel immer wieder in der Gestalt des Feuers begegnet, dieses uralten Symbols für Begeisterung. Denn so, wie ein Feuer lodert und alles entflammt, erleben ja auch viele Menschen, dass sie von einer Leidenschaft mitgerissen werden. Sie entbrennen. Deshalb haben wir ja im Deutschen so schöne Formulierungen wie: „Ich brenne vor Leidenschaft“, „Ich bin Feuer und Flamme“ oder „Ich bin heiß auf etwas.“ Lassen Sie uns mal schauen, was wir von den Feuerbotschaften der Bibel für uns heute lernen können.

Die zwei bekanntesten Feuergeschichten aus der Bibel sind vermutlich „Der brennende Dornbusch“ und die „Feuerzungen an Pfingsten“. Sie erinnern sich: Als Gott den Hirten Mose beauftragt, die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien, da zeigt er sich ihm in Gestalt eines brennenden Dornbuschs, der zudem auch noch reden kann. – Und als die Jüngerschar Jesu nach der Himmelfahrt ihres Meisters nicht mehr weiß, wie es nun weitergehen soll, da beschenkt Gott sie mit dem Heiligen Geist in Gestalt von Feuerzungen, die sich auf den Frauen und Männern niederlassen. Das Faszinierende ist, dass beide Geschichten eigentlich genau das Gleiche erzählen, obwohl sie vermutlich 1000 Jahre auseinanderliegen. Ja, beide Male geht es um drei große B’s: Menschen werden begeistert, berufen und befähigt. Und wenn wir verstehen wollen, wie Gott Menschen „anfeuert“, dann lohnt es sich, diesen drei B’s mal nachzuspüren. Weil die Herausforderung natürlich heute genauso gilt: Lassen wir uns für etwas Wesentliches begeistern, berufen und befähigen? In der Mose-Geschichte hat Gott allerdings einiges zu tun, bis sich der skeptische Hirte von dem sprechenden Feuerbusch wirklich begeistern lässt. Erst einmal bringt er nämlich immer neue Zweifel und Einwände vor: „Ich weiß gar nicht genau, wer du bist, Gott“, „Die werden mir doch eh‘ nicht glauben?“, „Womit soll ich die Ägypter denn überzeugen?“ „Ich kann so was gar nicht, weil ich ein schwacher Redner bin“ und so weiter. Ein ganz erstaunlicher Einstieg für eine Berufungsgeschichte: Offensichtlich gab es schon damals gegenüber Gott und seinen Idealen einige Vorbehalte und eine gehörige Portion Misstrauen.
Interessant finde ich: Gott lässt keinen der Einwände des Mose gelten. Im Prinzip sagt er: „Ja, Mose, ich weiß, dass du das alleine nicht hinbekommen würdest. Aber genau das meint ja Berufung und Befähigung: Ich traue dir etwas zu, das du dir selbst nicht zutraust. Und ich gebe dir alles, was du dafür brauchst.“ So bringt er dem zweifelnden Mose nicht nur ein paar eindrucksvolle Zaubertricks bei, er sagt auch: „Dein Bruder soll mir dir nach Ägypten ziehen, denn der ist ein ganz exzellenter Redner.“ Und schließlich macht sich Mose dann eben doch auf den Weg – und wird einer der großen Befreier der Weltgeschichte. Mose wird berufen, er wird befähigt und er wird begeistert. Genau das, was der Jüngerschar an Pfingsten geschieht. Als der Heilige Geist in sie fährt (daher ja unser Wort „Begeisterung“ … da sind die eben noch niedergeschlagenen und verängstigten Frauen und Männer plötzlich mutig, selbstbewusst und fröhlich. Sie rennen ohne jede Scheu nach draußen, weil sie das Bedürfnis verspüren, der ganzen Welt von der unfassbaren Liebe Gottes vorzuschwärmen, das ist die Berufung, und sie werden auf der Straße sogar von Leuten verstanden, deren Sprache sie ursprünglich gar nicht gesprochen haben. Das ist die Befähigung. Menschen, die sich für etwas begeistern, haben ein Ziel vor Augen und wachsen dabei oftmals über sich hinaus, ja, sie entdecken bei sich ganz ungeahnte Fähigkeiten, sie trauen sich Dinge zu, über die sie vorher nur zögernd den Kopf geschüttelt hätten, oder sie erleben, wieviel ein Einzelner bewegen kann, wenn er sich nur mit Leidenschaft für etwas einsetzt. Im Grunde gehören Begeisterung, Berufung und Befähigung zusammen. Sie sind wie eine Einheit. Und man kann sagen: Diese drei Facetten sind Kennzeichen dafür, dass jemand wirklich von einem inneren positiven Feuer erfüllt ist.

Erfreulicher Weise zeigt sich Gott in der Mose-Geschichte später noch einmal in Gestalt eines Feuers. Und zwar schon ganz am Anfang des Exodus, also des Auszugs aus Ägypten, als sich die Israeliten im nördlichen Nildelta am Rand der Wüste versammeln, um in die Freiheit zu ziehen. Dort heißt es (Exodus 13,21+22): „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Das mit den Säulen zur Orientierung war in Ägypten übrigens ein gewohnter Anblick, denn auch an den großen Karawanenrouten wurden die Reisenden so geleitet: Man stellte große Feuerschalen auf, von denen tags Rauch und nachts Feuer aufstieg. Doch das Besondere an Gottes Führung ist, dass er sein Volk eben nicht auf vertrauten Wegen führt, sondern sie einlädt, neue Wege zu gehen: „Vertraut mir! Ihr wisst noch nicht genau, wo ich euch hinführe, aber ich bringe euch zum Ziel.“ Im Grunde wird Gott hier zum ersten Navigationssystem der Weltgeschichte. Wir treffen die Israeliten quasi bei der Routenplanung: Das Volk hat sich ja, wie gesagt, an einem Ort versammelt (in einer Stadt namens Sukkot), und muss jetzt entscheiden, wo es eigentlich langziehen will, um nach Israel zu kommen. Und das ist eine wirklich schwierige Entscheidung. Die kürzeste Strecke wäre nämlich der gut ausgebaute „Horusweg“ entlang der Mittelmeerküste gewesen, der wurde aber leider von den Ägyptern kontrolliert. Und irgendwie ist selbst Mose klar: Wenn wir in die Freiheit wollen, dann müssen wir das alte System hinter uns lassen. Die zweite bekannte Route führt durch den nördlichen Sinai, ein Gebiet, das damals von den Philistern, einem ehemaligen Piratenvolk, besetzt war, so dass jeder weiß: Wer diese Strecke wählt, der wird vermutlich unterwegs in schwere Kämpfe verwickelt werden. Also ist das offensichtlich auch nicht der ideale Weg, um ein Volk aus ehemaligen Sklaven (und eben keinen ausgebildeten Kämpfern) möglichst sicher in die Freiheit zu führen. Mose braucht erkennbar eine weitere Alternative.
Und das ist ein wenig genutzter Weg, der direkt zum Schilfmeer führt. Man weiß heute, dass vor dem Bau des Suezkanals in dieser Richtung viele Sumpfgebiete existierten – und das ist eigentlich das Letzte, was ein Anführer mit einem großen Volk machen möchte: Durch Sümpfe latschten. Außerdem ist diese Route mit Abstand der längste Weg. Doch Gott macht Mose früh klar: „Ja, ich führe euch auf einem Umweg. Ich weiß! Aber ich wähle den Umweg, weil ich euch nur so sicher ans Ziel bringen kann.“ In dieser Situation geht es auf einmal ganz konkret um den Glauben. Vertraut das Volk seinem Gott und folgt ihm: in die Wüste und in die Sumpfgebiete, oder nicht? Weit ab von den bekannten Handelsrouten im Norden? Spüren die Menschen in sich auch das göttliche Feuer, das in Gestalt einer Feuersäule vor ihnen hergeht und sie herausfordert, neue Wege auszuprobieren, oder spüren sie es nicht? Haben Sie den Mut, etwas zu wagen? Ist ihr Traum von der Freiheit größer als die Angst vor dem Unbekannten? Also: Brennt in ihnen eine Hoffnung, die das Unmögliche möglich macht?

Wir sehen: Auch die Symbolik der Feuersäule trägt in sich die Aspekte von Begeisterung, Berufung und Befähigung. Vor allem aber ist sie eine große Zusage: „Wenn ihr euch begeistern lasst, könnt ihr sicher sein: Ich, Gott, bin bei euch.“ Im Text heißt es so schön: „Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Die Israeliten konnten sich darauf verlassen, dass sie ihren Weg in die Freiheit nicht alleine gehen müssen. Und nicht nur das: Gott geht ihnen voran und weist ihnen den Weg. Da, wo sie selber nicht mehr weiterwissen, führt Gott sie sicher weiter. Und das bedeutet zugleich: Gott gibt ihnen Orientierung. Ja, er fordert die Menschen in diesem Moment auf, wirklich alle Strukturen hinter sich zu lassen, die sie versklaven – und sagt ihnen zu: Auf dem Weg zum Neuanfang werde ich euch begleiten. Ich führe euch. Gott zeigt sich in der Bibel auch deshalb immer wieder in Gestalt des Feuers, weil er selbst dafür brennt, dass es seinen Geschöpfen, den Menschen, gut geht. Und weil er sich danach sehnt, dass sie „Feuer fangen“. Übrigens ist das eine Symbolik, die uns auch im Neuen Testament immer wieder begegnet: Jesus sagt ja nicht nur „Ich bin das Licht der Welt“ – also, die Quelle der Erleuchtung, derjenige, der es in den Menschen hell werden lässt – er sagt auch: „Ihr seid das Licht der Welt“. Sprich: Dass Gott Licht und Feuer ist, ist immer auch die Einladung an seine Jüngerinnen und Jünger: „Seid Licht und Feuer in der Welt“, „Seid begeistert für die Liebe!“, „Lasst euch berufen und befähigen!“ „Auch in euch steckt das Potential, die Gesellschaft zu verändern.“

Auf dem Hessentag in Bad Hersfeld wird es im Programm der Evangelischen Kirchen in Hessen und der Diakonie Hessen zehn Tage lang um die Frage gehen, was es heute bedeutet, für etwas „Feuer und Flamme“ zu sein. Und das Beste, was passieren könnte, wäre, dass am Ende viele Menschen sagen: „Ja, jetzt spüre ich wieder, wofür ich brenne.“ Denn wie gesagt: Die Glücksforschung ist der festen Überzeugung, dass man überhaupt nur so richtig glücklich werden kann. Amen.

Dr. Fabian Vogt

Kommentare sind geschlossen.